Rückblick

15. Juni 2013

Howard Carpendale singt in einem seiner neueren Lieder  ….nun bin ich 66…“ so geht es mir auch, aber singen will ich nicht sondern rückblickend schreiben.

An die ersten Jahre meines Lebens, es waren Nachkriegsjahre, kann ich mich nicht erinnern. Die ersten Erinnerungen kommen mit der Grundschule, es sind keine guten Erinnerungen. Das lag nicht unbedingt an mir, viele Mitmenschen haben einfach nicht erkannt das ich ein Spätzünder bin. Meine Lehre wurde von meinem Großvater und Vater einhellig beschlossen: der Junge wird Werkzeugmacher. Ich habe mich gefügt, es gab eh keine Möglichkeit des Einspruchs. Die Fügung war richtig, meine Gesellenprüfung machte mich stolz. Danach wollte ich mehr, Maschinenbautechniker war mein nächstes Ziel. Vier lange Jahre studieren. Tagsüber normal arbeiten, acht Stunden und dreimal die Woche Abendschule drei Stunden, kein Zuckerschlecken. Aber der Erfolg blieb nicht aus. Nach vier Jahren bekam die Chance die Werkbank mit einem Zeichenbrett zu tauschen. Toll. Von nun an durfte ich mit weißem Kittel durch die Firma gehen – welch ein Aufstieg.

 

Lange konnte ich den „Aufstieg“ nicht genießen, dass Vaterland mußte verteidigt werden. Mit 23 Jahren holte mich die Bundeswehr, es waren 11/2 Jahre verschwendete Zeit. Nicht ganz, ich habe durch ein Fernstudium meinen Konstrukteur gebaut, während meine Kameraden feucht fröhlich – meißtens – unter dem Tisch lagen.

 

Während meiner Bundeswehrzeit habe ich den ersten größeren Fehler meines Lebens gemacht: ich bin geheiratet worden. Dafür gab es wesentlich mehr Sold. So schnell wie es mit der Heirat ging, so schnell war die Ehe auch wieder vorbei. 1972 wurde unsere Tochter geboren und 1977 war die Ehe vorbei. Um der Familie etwas zu bieten benötigt man Geld, Geld kann man mit Arbeit verdienen – mit zu viel Arbeit kann man die Bindung zur Familie verlieren – und die Übersicht der männlichen Bekannten die viel Zeit haben.

 

Die nächsten zwei Jahre holte ich alles DAS nach, wovon ich überzeugt war, dass ich etwas verpaßt hatte. Die erste Zeit war es Abenteuer pur, von Aids war noch keine Rede. Aus den Abenteuern wurde mit der Zeit Frust, dann Leere und die Leere wurde immer größer. Meine tägliche Arbeit als Konstrukteur gab mir den Halt den ich beinahe verloren hätte.

 

Ein verregneter Sonntagabend, Monatsende und 10 DM in der Tasche, eine Stimmung wie kurz vor einem Wolkenbruch, so stand ich mit einigen Freunden am Thresen meiner damaligen Stammkneipe. Die Tür geht auf – lange schwarze Haare, fast bis zum Po, eingehüllt in einen braunen Kamelhaarmantel, Krokolederhandtasche lässig unter den Arm geklemmt, der geöffnete Mantel gab den Blick auf ein Lederkostüm frei, ein Gesicht wie Monalisa, Hochmut in Person, so schritt SIE durch das Lokal.

Mein Sternzeichen ist Löwe, ich selbst fühle mich aber nicht so.

 

Die kommenden Stunden fasse ich kurz zusammen, wir haben die Nacht zusammen verbracht, am nächsten Morgen ging jeder in sein Büro. Den darauffolgenden Mittwoch bin ich bei IHR eingezogen. Es folgten die zehn schönsten Jahre meines Lebens. Die Krönung war die Geburt unseres Sohnes 1990. Zu dem Zeitpunkt war ich schon 44 Jahre und ich habe mich mit dem Entschluß für ein Kind sehr schwer getan. Aus heutiger Sicht betrachtet bin ich glücklich über den Entschluß. Wie ich schon sagte: „Spätzünder“.

 

Der erste Geburtstag unseres Sohnes, er ist ein Weihnachtsgeschenk, mußte ich im Krankenhaus verbringen. Mein Arbeitsstress, ich war in den letzten Jahren sehr viel geschäftlich in ganz Europa unterwegs, forderte Tribut.

Meine Pumpe versagte mir den Dienst, viel Hoffnung machte man mir nicht – aber für meinen einjährigen Sohn und meine Frau habe ich gekämpft – und die Ärzte haben uns wieder Mut gemacht. Danke – auch an eine höhere Stelle.

 

Nach überstandener OP und anschließender Rehamaßnahme habe ich mich dann nach fünf Monaten wieder in meinen Beruf eingegliedert. Anfänglich langsam, aber das Tempo stieg von Jahr zu Jahr. Erst die Leitung des Konstruktionsbüros, dann  den Werkzeugbau und zu guter letzt gab es die Entwicklungsabteilung noch obendrauf.

 

Zwischenzeitlich und parallel wurde die Firma umstrukturiert und ein großer Teil der Fertigung nach China verlagert. Es kam dann wie es kommen mußte, Entwicklung und Werkzeugbau wurden auch verlagert und für mich gab es keine Arbeit mehr. Von heute auf morgen war ich arbeitslos. Da ich 38 Jahre bei der Firma war, gab es zwar eine gute Abfindung – aber was mach ich jetzt mit 52 Jahren.

 

Ich habe mich selbst ins kalte Wasser gestürzt und habe ein Konstruktionsbüro für den Werkzeugbau gegründet. Anfangs alleine, aber die Arbeit nahm zu – ich brauchte Hilfe. Über das Arbeitsamt kam ich an einen jungen Mann der seit seinem vierten Lebensjahr an den Rollstuhl gefesselt war. Da war mein zwischenzeitlich aufgetretener Diabetes (Eigene Kategorie) eine Kleinigkeit. Er hatte gerade die Lehre als technischer Zeichner absolviert – genau was ich gesucht habe. Wir ergänzten uns in vielen Dingen.

 

Dieser junge Mann hat mir nicht nur beruflich geholfen, er hat mir sein Leben im Rollstuhl so nahe gebracht ohne ein Wort darüber zu verlieren. Ich habe nie mehr einen so fröhlichen und glücklichen Menschen getroffen wie ihn.

 

Unser Büro wurde mit der Zeit zu klein und die Arbeit immer mehr. Wir stockten noch um zwei Personen auf und zogen in ein größeres Büro. Die Arbeit machte Spaß und auf Grund meiner früheren Kontakte kamen wir auch an Aufträge im europäischen Ausland und von Großkonzernen in Deutschland. Einer dieser Großkonzerne brach uns das Genick, es wurden Rechnungen nicht bezahlt bzw. verschleppt, dass macht keine Bank lange mit.

 

Nach neun Jahren SELBST und STÄNDIG folgte die Insolvenz weil die Sparkasse als Hausbank plötzlich kein „Vertrauen“ mehr hatte. Die Insolvenz schlug durch in die Privatinsolvenz und das bedeutete Hartz IV. Alles weg, aber wirklich alles.

 

Nicht mehr vorhanden war auch das Eheleben und das bischen was noch vorhanden war wurde durch die Insolvenz hinweg gefegt .Meine Frau distanzierte sich von unserem Sohn und von mir. Mit Oberhemden bügeln verdiente ich mir mein Zubrot. Drei Monate lang, dann hatte ich einen neuen Job. Auch mit 59 Jahren gibt es in der Industrie noch Arbeit. Projektmanagement nennt man die Tätigkeit für die ich bei einem großen Automobilzulieferer vier Jahre tätig war. Dann wechselte ich nochmals für zwei Jahre zu einer anderen Firma bevor ich dann endgültig in den wohlverdienten Ruhestand ging.

Seit etwa sieben Jahre pflegen mein Sohn und ich eine Männer-WG (Eigene Kategorie).

Ach hätten wir das doch schon früher gemacht……

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© Bernd Herder